sind ganz normal, wenn man sie selbst strickt. Ich erkläre ja Nicht-HandarbeiterInnen gerne, dass die Kleidungsherstellung meist antizyklisch ist. Das heißt, im Sommer macht man Herbst- und Wintersachen, im Winter macht man gerne mal Sommersachen. Beim Nähen mag das nicht ganz so sein, weil man ein T-Shirt oder einen einfachen Rock doch mal innerhalb von ein paar Tagen von der Planungsphase zu einem fertigen Stück bringt, beim Stricken geht eigentlich nix schnell. Das führt (zumindest bei mir) gerne dazu, dass ich, während ich noch mitten im aktuellen Projekt hänge schon an das nächste Teil heranphantasiere, mir überlege, welches Garn, welche Farbe, schmachtend in der Anleitung stöbern usw. usf. Nun stricke ich aber fast nur Großprojekte, die, bei sehr stringenter täglicher Arbeit daran, eigentlich immer mindestens vier Wochen reine Fertigstellungszeit brauchen, wenn alles gut geht. Also strickt man das geplante, luftige Seidenshirt dann halt im September und stellt im August einen Pulli in wollig-warmem Rippenmuster fertig.

Mein letztes Projekt, der Pulli „Berlin Mitte“ von Claudia Eisenkolb, hat sich aber auch geziert. An sich ist der Pullover denkbar einfach. Ein oversized Fledermauspulli, der praktisch aus zwei Pentagons besteht. Ein paar leichte Formänderungen, wie verkürzten Reihen formen die Schultern und einem Schlitz vorn bildet  den Ausschnitt und „Kragen“. Die Textur ergibt sich aus einem einfachen Rippenmuster, das alle zwei Reihen versetzt wird. Dann noch ein paar Ärmel dran und voila, fertig. Dachte ich. Ich habe brav meine Maße genommen und die empfohlene Größe für meine Maße angefangen. Zur Ehrenrettung der Anleitung muss ich sagen, dass sie sehr deutlich darauf hinweisen, dass der Pullover sehr viel Mehrweite hat und sie zeigt auch Fotos von verschiedenen Frauen, die ein- und denselben Pulli tragen, wodurch sich eben verschiedene Passformvarianten ergeben. Ich wollte eigentlich keinen extrem locker sitzenden Pulli und ein etwas forscherer Blick in die Anleitung hätte mir verraten, dass ich bei meiner gewählten Größe XL und einer gemessenen Brustweite von 113cm eine Brustweite von 142cm beim fertigen Teil zu erwarten habe. Oversized okay, 30cm Mehrweite… eher nicht so. Aber Anleitung gründlich lesen tut man ja erst, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, also hab ich guten Mutes die XL angefangen.

Wirklich anprobieren kann man das Teil aber erst, wenn Vorder- und Rückenteil fertig gestrickt sind und zusammen gesetzt hat. Ich stellte fest, dass der Pulli nicht nur vieeeeeeeeeeeeeel zu weit war, sondern auch der Mittelpunkt der Linien weit unter der Brust hing und ich wollte dass eben die Mitte des Pentagons vorn auf der Brust sitzt. Also das viel zu weite Teil nach oben gerafft, bis der Mittelpunkt da saß, wo ich ihn wollte, dann die Länge für den Ausschnittschlitz dazu und damit konnte ich dann bestimmen, wie weit ich zurück-ribbeln musste und bei welcher Größe ich rauskam. Es war die kleinste Größe in der Anleitung (XS) :-).

Von meinem Vorderteil blieb wenig mehr als eine Topflappengröße übrig, vom Rücken konnte ich Gott sei Dank etwas mehr erhalten. Da ich sehr locker stricke und eine Baumwoll-Merino-Mischung verwendet habe, ist der Pulli doch noch etwas größer geworden, als in der Anleitung angegeben und nach dem Waschen auch noch etwas gewachsen. Von dem Ausmaß der Mehrweite gefällt er mir jetzt aber sehr gut und er wird mir glaube ich v.a. in der Übergangzeit gute Dienste leisten. Alle sin allem ein sehr schöner Pulli. Eigentlich total mindless zu stricken, aber durch die Konstruktion und Textur ist das fertige Projekt doch sehr ungewöhnlich. Nur bei der Größenwahl sollte man genau überlegen, wie großzügig man die Mehrweite wirklich haben will. Ich überlege evtl. nochmal eine Variante in reiner Wolle zu machen. Ich erwarte, dass sich hier das Garn im Rippenmuster mehr zusammenzurrt, wodurch der Pulli enger, aber auch deutlich wärmer werden würde.

Anleitung: Berlin Mitte von Claudia Eisenkolb

Material: Grandezza von Hamburger Wollfabrik (nicht mehr verfügbar)

Änderungen: von Größe XL auf Größe XS um weniger Mehrweite zu haben. Den Bund habe ich etwas breiter gearbeitet als in der Anleitung gefordert und nicht alle geforderten Wiederholungen für die Ärmel gearbeitet, da sie für meinen Geschmack schon lang genug waren.

Vielleicht werde ich die Ärmel auch nochmal kürzen, da ich das Gefühl habe, dass sie nach dem Waschen nochmal ein gutes Stück länger geworden sind.

Kuschelpullis im Hochsommer
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2 Gedanken zu „Kuschelpullis im Hochsommer

  • 7. August 2017 um 17:57
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    Noch einmal herzlichen Dank für den Hinweis und Dir herzliche Gratulation zum fertigen Stück. Ich mache bei einem „Eigendesign“ ähnliche Erfahrungen…. , probiere aber laufend, so sollte es ohne aufribbeln herauskommen.

    Antworten
    • 8. August 2017 um 09:32
      Permalink

      Hallo Christine,

      sehr gerne, ich hoffe das hilft etwas bei der Projektplanung. Ich bin an sich auch ein großer Fan von laufend anprobieren, aber bei dem Projekt geht das halt schlecht, weil Vorder- und Rückenteil erstmal getrennt voneineander fertig gestellt werden müssen und man den Pulli erst nach Zusammenfügen der beiden ernsthaft anprobieren kann. Viel Erfolg bei deinem Eigendesign :-).

      Viele Grüße,
      Annegret

      Antworten

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