Bei einer Stippvisite im elterlichen Heim habe ich nach langer Zeit mal wieder den Dachboden durchforstet. Neben einer alten Gritzner, noch mit Fußpedal, bei der sich mangels Schlüssel leider die Haube nicht öffnen ließ, stieß ich noch auf einen wenig ansehnlichen Plastik-Container, der mich verdächtig an die Transporthaube meiner Singermaschine erinnert hat. Nach dem Öffnen zeigte sich eine ordentlich verdreckte, aber doch sehr robust aussehende Nähmaschine der Marke ‚Bagat‘ (Modell: Vesna 703) aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Anscheinend hat die Maschine meiner Tante gehört, die aber mit der Bedienung nie richtig klar gekommen war. Brauchen tut sie wohl keiner mehr. Also das gute Stück kurz mal angeschlossen und auf den Anlasser gedrückt ob der Motor überhaupt noch läuft. Tat er, allerdings mit erheblichen Anlaufschwierigkeiten. Irgendwo in der Mechanik gab es eine Schwergängigkeit, die der Motor nicht überwinden konnte. Wenn man am Handrad drehte, lief er aber von selbst weiter, bis er wieder zur Schwergängigkeit kam.

Das sah also an sich ganz gut aus. Generell funktionierte die Maschine, brauchte aber wahrscheinlich ein bisschen Pflege. Also alles eingepackt und mitgenommen. Eine Gebrauchsanweisung konnten wir auf Anhieb nur auf tschechisch finden. Ein bisschen Recherche ergab aber, dass die Maschine anscheinend ein Lizenzprodukt der Firma „Necchi“ ähnlich dem Modell „Mira“ war und davon fand man sowohl ein Handbuch als auch ein Servicehandbuch für Nähmaschinenmechaniker um Einstellungen und Reparaturen an der Maschine durchführen zu können.

Da sich das Instandsetzen doch etwas umfangreicher gestaltet hat, werde ich dazu mehrere Beiträge machen. Dieser erste Teil beschäftigt sich mit dem Zerlegen und Reinigen der Maschinenmechanik. Im zweiten Teil werde ich die Reparaturen an der Elektrik und evtl. notwendige Justagen zeigen und im dritten Teil stelle ich dann die Maschine mit ihren Funktionen und Besonderheiten vor.

Los gehts (Achtung, viele Bilder):

 

So sah die Maschine direkt nach dem Auspacken aus. Der Kunststoffcontainer hat sicher seine besten Zeiten hinter sich, da kann man auch mit Putzen nicht mehr viel retten.
Die Anschlussbuchse für den Anlasser hat auch schon bessere Tage gesehen. Sie hält leider nicht mehr im Gehäuse.
Die Stichplatte und Öffnung um an die Spulenkapsel zu kommen. Hier war noch der Knopffuß verbaut.
Wenn man den kleinen, weißen Kunststoffhebel vorne löst, kann man die komplette Maschine nach hinten klappen und kommt an die untere Mechanik. Das Fach unter der Maschine war sicher mal als Stauraum für Zubehör vorgesehen. Ich finde es aber eher unpraktisch, weil die ganzen Fusseln aus der Spulenkapsel dort reinfallen. Der Kunststoff hat wie gesagt schon bessere Tage gesehen, man sieht, dass die Füße schon ausbrechen. Ohne die Wanne kann man die Maschine allerdings nicht aufstellen. Perspektivisch muss hier ein Ersatz her.
Der Anlasser für die Maschine. Den konnte man beim besten Willen nicht öffnen. Scheinbar wird das Teil einfach vernietet und die Schraubenöffnungen mit Stopfen verschlossen, die nicht rauszubekommen waren. Funktionieren tut er aber.
Ein Blick auf die Spulenkapsel. Der kleine Plastikdrücker rechts in der Öffnung versenkt den Transporteur.
Abschrauben der oberen Abdeckung.
Blick in die Mechanik von oben.
Die Abdeckung für die Lampe wird entfernt.
Die Lampe selbst fehlt, dafür gibts jede Menge Fusseln. In die Fassung sollte aber eine Standard-Nähmaschinenlampe passen.
Die Motorabdeckung kommt runter.
Die Verkabelung der Anschlussbuchse und des Schalters ist etwas… eigenwillig. Hier muss auf jeden Fall nachgearbeitet werden. An der Lüsterklemme hinter der Anschlussbuchse sind schon leichte Schmurgelspuren.
Die Schrauben für das Handrad lösen…
… und Handrad mitsamt Antriebsriemen kommen ab.
Jetzt kann der Motor ausgebaut werden.
Darunter hat sich auch ne Menge Dreck angesammelt.
Der Motor an sich scheint noch sehr neuwertig zu sein, die Kohlen sind fast noch wie neu und man sieht kaum Abrieb.
Der Fadenumlenker zum Umspulen muss auch weichen…
… denn darunter sieht es ziemlich schlimm aus.
Der Nähfuß und die Halterung für die Nadeln werden demontiert.
Scheinbar ist die Maschine für Flachkolbennadeln ausgelegt, obwohl eine Rundkolbennadel drin war.
Der Fadenspannungsregler wird demontiert um Staub und Fadenreste aus den Spannungsscheiben zu entfernen.
Und mit einem beherzten Druch auf den Hebel innen, kann man die Stichplatte komplett entfernen um die korrodierten Stellen darunter zu reinigen.
Und so sieht die Maschine nach dem Reinigen aus. Der Motor ist weider eingesetzt und Handrad und Antriebsriemen sind wieder montiert. Der Antriebsriemen ist trotz seines Alters noch unbeschädigt und hat weder Risse noch ist er brüchig.
Alles wieder sauber, geölt und montiert. Die Motorabdeckung und Elektrik bleibt erstmal ab, da brauchts noch etwas Nacharbeit

Ein paar generelle Tipps zum Zerlegen und Reparieren von solchen Maschinen hätte ich noch, für alle, die es mal probieren wollen:

  • Legt euch passendes Werkzeug und Material zurecht. Verschiedene Schraubendreher, evtl. eine Zange, einen sauberen Lappen, etwas Wasser, evtl. Scheuermilch, Nähmaschinenöl (bitte kein anderes Öl verwenden), Druckluftdose und Küchenrolle.
  • Macht viele Fotos(!!!) beim Zerlegen. Vor allem wohin welche Schraube gehört, von Verkabelungen, bevor ihr die Kabel abzieht und von Teilen, die zerlegt werden. Es hilft ungemein alles am Ende wieder richtig zusammen zu setzen.
  • Stellt euch ein paar kleine Schüsseln oder Behälter bereit um Schrauben, Federn und Kleinteile aufzubewahren.
  • Zum Reinigen wenig Wasser verwenden, Lappen so weit auswringen und die Hände trocken halten, so dass nichts in Öffnungen tropft und alles am besten sofort wieder trocken reiben.
  • hartnäckigen Verschmutzungen kann man mit etwas Scheuermilch oder feinem Schleifpapier zu Leibe rücken, aber auch hier darauf achten, dass Staub und Partikel gleich entfernt werden.
  • Vorsichtig mit der Druckluft arbeiten. Die Dosen haben immer eine Tülle dabei, mit der man den Luftstrom gut lenken kann. Generell nicht IN die Maschine pusten, sondern versuchen aus der Maschine heraus zu pusten.

Im nächsten Teil zeige ich, wo ich die Mechanik geölt habe und wir nehmen uns die Verkabelung vom Motor vor.

 

 

 

 

 

Ein Dachbodenfund wird wieder flott gemacht – Teil 1: Zerlegen und Reinigen

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